Verwandlung als Leitmotiv der neuen Spielzeit

Wie das Theater Baden Alsace die Krise meistert | Theatermacher Edzard Schoppmann im Gespräch

Edzard Schoppmann, Theater Baden Alsace. Bild: Guido Schumacher

ORTENAU | ELSASS. Der “Fröhliche Weinberg” von Zuckmayer hätte es ursprünglich sein sollen. Aber ein Lustspiel mit 13 Darstellern ging weder thematisch noch finanziell. Stattdessen startete das Theater Baden Alsace (BAAL) am Freitag mit “Die Tanzstunde” in die neue Spielzeit, einem intimen 2-Personen-Stück. Der Wechsel auf zeitgemäße und machbare Inszenierungen ist eine von vielen Lösungen, mit denen Edzard Schoppmann BAAL durch die C-Krise steuert. Vor der Premiere sprachen wir mit dem Gründer und Leiter über die aktuelle Situation seines Theaters.

“Die Stimmung im Ensemble ist gut”, sagt Schoppmann, “eigentlich besser als vor dem Lockdown. Unsere Gesellschaft war hochgetrieben. Jetzt haben wir alle einen Schuss vor den Bug bekommen. Die Leute reden mehr miteinander, kommen zur Besinnung.”

Drei Viertel der Einnahmen brechen weg. Proben, geschweige denn Spielen ist mit Maske und Sicherheitsabstand praktisch nicht möglich. Akteure müssen bei Erkältungssymtomen nach Hause geschickt werden. Das ist die Ausgangslage seit dem Lockdown. Für BAAL wie für die meisten Spielstätten.

Das Theater, die Gesellschaft im Ganzen kann nicht so weitermachen wie vor der Krise. Ob die Menschen wollen oder nicht, sie müssen sich verändern. Verwandlung ist das Gebot der Stunde, aber auch das Prinzip des Schauspiels. Eine Notwendigkeit im doppelten Sinn, die Schoppmann und seine Mitstreiter zum Leitthema der kommenden Spielzeit erkoren haben.

Mit fünf Stücken wartet BAAL bis Ende März 2021 auf, allesamt 1- bis 3-Personenstücke mit sparsamer Ausstattung. Das senkt die Kosten für Darsteller und Bühne. In allen geht es darum, wie Protagonisten an Schicksalswendungen scheitern, zerbrechen, sich aber letzlich aufmachen, um am Ende verändert in eine neue Zukunft zu finden. Transformation.

“Wir müssen sparen, wo es geht”, sagt Schoppmann. “Die Eintrittspreise heben wir nicht an.” Er führt Regie, spielt, schreibt, pflegt die Förder-Kontakte, macht die Honneurs, weist Plätze an. “Wir mussten das Ensemble auf ein Kernteam reduzieren, arbeiten nicht mehr mit Gastdarstellern.” Die Förderer, allen voran das Land Baden-Württemberg, dann der Landkreis mit Offenburg, Lahr und Neuried, bleiben noch bei der Stange. Kürzungen erwarte er momentan nicht, so Schoppmann.

Im Sommer gaben sie in Gärten szenische Lesungen, aus dem “Decamerone” von Bocchaccio, aus “Max und Moritz” von Wilhelm Busch für Kinder. “The Boss” und “Macho Man”  spielten sie unter freiem Himmel. “15 Vorstellungen hatten wir mit dem Sommertheater,” erinnert sich Schoppmann, “das war wie sonst auch.” Auf 30 Prozent schätzt er den Anteil der französischen Zuschauer im Erwachsenenbereich. “Das liegt auch daran, dass wir mehr auf deutscher Seite unterwegs sind. Beim Kinder- und Jugendtheater ist es umgekehrt. Im Elsass ist bei Kulturveranstaltern und in Schulen Deutsch viel besser integriert als bei uns das Französische.”

Die Konkurrenz durch Neue Medien und Computerspiele ist für Schoppmann kein Grund für Pessimismus. “Solange Theater im Schulunterricht verankert ist, können wir Kinder und Jugendliche über die Lehrer gewinnen. Bei den 20- bis 30-Jährigen hat der Erfolg mit den Stoffen und Darstellern zu tun. Wie bei “Der Boss” von Moritz Netenjakob, wo es um deutsch-türkische Beziehungen geht.”

Über die gerade erst beginnende Spielzeit mit fünf neuen Stücken blicken Schoppmann und sein Team bereits hinaus. Sie haben sich den “Lenz” von Georg Büchner vorgenommen. Auf elsässisch, denn das Stück spielt im Elsass der 1830er Jahre. Schon die Besetzung ist eine Herausforderung. Für die Rolle des Pfarrers Oberlin, so weiß Schoppmann, kommen gerade einmal fünf Schauspieler in Frage.

 

DK | 5.10.2020

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