Im Urteil den Angeklagten menschlich sehen

Richter Heinz Walter beendet Laufbahn | Weiterhin für die Gemeinde Neuried aktiv

NEURIED-ORTENAU. Verbindlich im Umgang, in der Sache fest, das ist seine Art. Heinz Walter, seit 2001 Vorsitzender Richter am Landgericht Offenburg, geht mit 66 in den Ruhestand. Fast sein ganzes Leben hat er in Neuried verbracht. Als Ratsmitglied und bei der Unterstützung älterer Mitbürger will er der Gemeinde weiter dienen. Und dann sind da noch die Tomaten.

“Eine gescheite Abschlussverhandlung wäre schön gewesen”, sagt Walter und lacht, doch eine Spur Enttäuschung schwingt mit. Auch die Gerichtssäle waren wegen Corona geschlossen. Der Abschied des Richters wurde so in gewisser Weise vorverlegt. Das mag nicht einfach sein für einen, der die großen Fälle hatte. 2019 waren es die Mordfälle “Kreisel” und “Arzt”. Mit einigen spektakulären und zahlreichen weniger beachteten Prozessen hat Heinz Walter die jüngere Justizgeschichte Offenburgs geprägt. Bis zuletzt leitete er die für Schwerstkriminalität zuständige Große Strafkammer und vier weitere Kammern am Landgericht. Er fällte die Urteile nicht allein, sondern als einer von vier oder fünf gleichberechtigen RicherInnen der jeweiligen Kammer. Seine Aufgabe war es, sie zu verkünden.

Der Richter führt uns über den Hof. Wir nehmen Platz hinter dem Haus, vor uns liegt der tiefe, blühende Garten. Es ist sein Elternhaus. Hier in Ichenheim wuchs Walter zusammen mit einer Schwester auf. Nur wenige Male verließ er den Ort, studierte  in Heidelberg und Freiburg, war Staatsanwalt in Baden-Baden, wurde später als Richter an das Oberlandesgericht in Karlsruhe abgeordnet. Heinz Walter und seine Frau Angelika haben zwei Töchter und einen Sohn.

In seiner 35 Jahre währenden Laufbahn hat Heinz Walter auch Zivil- und Familiensachen verhandelt. Seiner Neigung aber, so drückt er es aus, habe das Strafrecht ganz entsprochen. “Als Strafrichter hat man das Verfahren mehr in der Hand. Man kann selber ermitteln, sogar die Polizei einsetzen. Ich wollte den Dingen immer auf den Grund gehen.” Überhaupt Gründlichkeit: “Je tiefer ich in die Materie einsteige, je umfänglicher ich aufkläre, desto sicherer bin ich im Urteil.” Urteile, die er gern rückgängig gemacht hätte, habe es nicht gegeben.

Wer Heinz Walter am Gericht erlebt hat, weiß, wie zugewandt und aufmerksam er jeden behandelte, ganz gleich, welche Rolle die Person spielte. Für ihn ist das nicht allein eine Frage des Respekts. “Sie müssen mit Menschen umgehen können, sonst erfahren Sie die Dinge nicht, die Sie brauchen.” Das sei eine von vielen Eigenschaften, die man als Richter mitbringen müsse. Unmöglich könne ein Mensch alle in sich vereinen. Unerlässlich sei eine gefestigte Persönlichkeit.

Leitsatz ist ein Goethe-Wort

“Soll er strafen oder schonen | muss er Menschen menschlich sehn”

Der Satz stammt aus einem Gedicht von Goethe* und findet sich auch bei Gustav Radbruch**. “Er bedeutet,” erklärt Walter, “den Menschen bei der Urteilsfindung mit seinen Eigenschaften und seinem Wesen zu berücksichtigen”. Das gelte auch für den Richter selbst. Er müsse sich bewusst sein, dass seine Sicht von der eigenen Herkunft und Prägung beeinflusst sei. Wichtig sei Kritikfähigkeit, um andere Standpunkte würdigen zu können.

Trotz aller professionellen Distanz, ohne die es nicht geht, bleiben Fälle, die schmerzlich berühren. Wie der einer jungen Mutter mit einer schweren Persönlichkeitsstörung. Um bei Ärzten Anerkennung zu gewinnen, fügte sie ihrem Kind Verletzungen zu, an denen es letztlich starb. “Besonders, wenn Kinder betroffen sind, hängt man mit Gefühlen drin”, sagt Walter.

Im Jahr 2002 geschah der sogenannte Haustyrannenmord in Neuried-Altenheim. Eine Frau erstach ihren Ehemann im Schlaf und befreite sich so aus einem zehn Jahre währenden Martyrium häuslicher Gewalt.  Kurz vor der Tat hatte er das gemeinsame Baby aus dem Fenster gehalten und gedroht, es fallen zu lassen. Die Kammer unter Vorsitz Walters verurteilte sie zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.

Herr Walter, wie wird es sein als Richter a.D.?

“Ein großes Stück des Lebens ist jetzt vorbei”, stellt der 66jährige nüchtern fest. Die Verantwortung werde ihm fehlen, eine Weile. Dem Kommunalpolitiker bleibt sie ein Stück weit erhalten. Walter sitzt für die SPD im Neurieder Gemeinderat, ist beratendes Mitglied im Ortschaftsrat Ichenheim, unterstützt als Vorstand der Generationen-Gemeinschaft ältere Menschen dabei, solange wie möglich daheim leben zu können.

Ein steter Quell der Freude ist der große Garten, wo bekanntlich die Arbeit nie endet. Dort zieht der Hobbykoch neben anderen Küchengewächsen Tomaten, die er teils aus Urlaubsländern mitgebracht hat. 13 verschiedene Sorten sollen es sein – auch das gründliche Arbeit, buchstäblich. “Mehr Plan brauche ich nicht”, beschließt Heinz Walter das Gespräch. “Man will ja gerade Freiheit.”

* Der Gott und die Bajadere, Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

** Einführung in die Rechtswissenschaft, Buch von Gustav Radbruch (1878 – 1949), Rechtswissenschaftler und Politiker

 

DK | 26.7.2020

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