Eine unmögliche Liebe in New York

Theater Baden Alsace startet mit “Die Tanzstunde” in die Saison | Emotionales Kammerspiel mit Happy End

ORTENAU|ELSASS. Mehr Gegensatz geht nicht. Sie ist Tänzerin, er Professor. Ihr Knie ist kaputt, er ist Autist. Eine Verbindung scheint unmöglich und entsteht doch. Das Theater Baden Alsace in Neuried eröffnete mit “Die Tanzstunde” die neue Spielzeit 20/21. Regie führte Diana Zöller. Yaroslava Gorobey spielte Senga Quinn, Benjamin Wendel war Ever Montgomery.

Berührungsangst, ein Motiv der C-Krise, ist das Handicap des Ever Montgomery. Er hat das Asperger-Syndrom. Doch leidet er nicht darunter, da er dieses Gefühl nicht kennt. Er hat sich im Alleinsein eingerichtet.

Senga Quinn ist, besser war, eine erfolgreiche Tänzerin. Ihr linkes Knie wurde bei einem Autounfall zertrümmert. Das ist Sengas Handicap und sie leidet. Sie wird nie wieder tanzen können. Unfähig, sich ein Leben ohne Tanz vorzustellen,  betäubt sie sich mit Schnaps und Tabletten.

Beide wohnen im selben Block. Ever sucht Senga auf. Der Uniprofessor muss in Kürze einen Festakt durchstehen, seine eigene Auszeichnung. Dabei muss er tanzen, glaubt er. Senga soll ihm Tanzen beibringen, nur eine Stunde, über 2000 Dollar bietet er ihr.

Es ist ein Kammerspiel. Die Kammer ist ein Stahlrohrgestell, darin ein Bett und ein paar Utensilien. Sengas Apartment. Außerhalb steht ein Schreibtisch mit einem Laptop darauf, das ist Evers Wohnung. Die Requisiten sind nichts, die Psychologie alles.

Senga giftet, droht mit der Krücke, schmeißt Tabletten nach ihm, aber gegen seine Unempfindlichkeit kommt sie nicht an. Schließlich bekommt er, was er will. Tatsächlich gelingt es Senga, Ever in Bewegung zu bringen. Benjamin Wendel zuckt und stakst wie ein Android, das ist rührend und lustig zugleich. Elastisch und federnd gibt Yaroslava Gorobey die Animateurin, ein reizender Kontrast.

Ein paar Mal noch schmeißt sie ihn raus, und Ever muss in seine Nerd-Bude zurücktippeln. Aber immer wieder klopft er an ihre Tür, holt sie von Mal zu Mal mehr aus der Versenkung. Verzweiflung, Wut, Selbstmitleid prallen am “Aspi” ab. Er kontert mit wissenschaftlichen Fakten. Sie beginnt, in ihm den Mann zu sehen. Ein Dialog entwickelt sich, vielleicht der eigentliche Tanz, in dessen Verlauf sie sich näherkommen. Einmal zieht sich Senga die Decke über den Kopf und hält sich die Krücke vor die Nase. Einen Elefanten soll Ever sich vorstellen. Tanz, Theater – das ist Imagination!

Ever brüllt vor Schmerz, als sich ihre Hände zum ersten Mal berühren. Doch Senga bleibt beharrlich, und Ever flieht nicht. Sie werden ein Liebespaar. Das ist unwahrscheinlich, aber so schön! Wir sind in einem Broadwaystück. Ein rotes Herz pocht auf der Leinwand, die die Skyline von New York zeigt. In Wirklichkeit ist es die von Hongkong (Kulisse: Tilmann Krieg).

Die Wendung kommt, als Ever Senga einen Termin bei einer Knie-Spezialistin verschafft. Eine Operation ist möglich, aber lebensgefährlich. Bei einer psychologischen Voruntersuchung brechen alte Wunden auf. Indem sich Senga Ever mitteilt, findet sie aus ihrer Sackgasse. Ein Leben ohne Tanz wird vorstellbar. Vielleicht als Tanzpädagogin? Was es auch sei, sie wird ihren Weg finden. Mit Ever Montgomery? Vielleicht. Sie findet ihn auf der Preisverleihung, sie tanzen.

 

DK | 6.10.2020

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