Ein unschlagbares Angebot

Bistro „Queue“ eröffnete 1985 | Nils steht seit 35 Jahren hinter der Theke

NEURIED-ICHENHEIM. Für Nils Götze, der noch immer durch sein in den Jahren größer gewordenes Lokal dribbelt, ist das „Queue“ an der Hauptstraße kein Stoppball, um mit einem Billardbegriff anzustoßen. „Ich würde es wieder genauso machen“, sagt der 54-Jährige im 35. Lebensjahr des Bistros, dessen Jubiläen er feiert wie seine Geburtstage. Das Zehnjährige, das 25- und 30-Jährige zählt er zu seinen „Highlights“. Dass Corona die diesjährige Feier verhinderte, bedauert er und freut sich in seiner quirligen Art schon auf die weiteren Jubiläen. Das 50-Jährige zu begehen, „das wäre der Kracher. Da wäre ich 69“.

Er meint das ernst. Das „Café Queue“ ist das Angebot, das er nicht ablehnen konnte. „Es war eine gute Entscheidung. Dass es so gut läuft, hat keiner gedacht.“ Eigentlich wollte er 1985 Betriebswirtschaftslehre studieren. In den beiden Jahren zuvor hatte er aber in den Schulferien einem Bekannten seines Vaters geholfen, den früheren Friseursalon an der Hauptstraße zu renovieren. Mit dem Moped fuhr er oft von Renchen, wo seine Eltern wohnten, nach Ichenheim. „Wir rissen die Böden heraus und tapezierten.“ Zwei Sommer lang wurde renoviert. Pacht war erst bei der Eröffnung fällig.

Privat war er in der Zeit auch im Ried unterwegs. Mit dem Moped düste er nach Altenheim in den „Sambesi“. „Cool“, sagt er, fand er das Ried. An die erste Autofahrt mit Axel Margrander, dem Bekannten seines Vaters, erinnert er sich noch gut. Als sie Dundenheim hinausfuhren, sagte der: „Das ist die Skyline von Ichenheim.“

Nach der Renovierung bekam er dann von Margrander „ein unschlagbares Angebot.“ Ein Unternehmen als GbR mit zwei Lokalen. Eines in Kehl von Margrander geführt und das „Queue“ von ihm. Im Alter von 19 Jahren und kurz vor dem BWL-Studium rechnete er schnell. Das Angebot war nicht zu toppen. Seine Eltern sahen das allerdings nicht so. „Sie waren über die Entscheidung nicht gerade erfreut.“

Schnell rechnen kann Nils, der sein Unternehmen inzwischen alleine führt, noch heute. Er notiert sich noch immer keine Bestellung, vielleicht eine Geburtstagsrunde, aber er macht weder eine Strichliste hinter der Theke noch auf dem Bierdeckel. Er hat den Überblick, auch wenn die Bude voll ist. Ich habe das jahrelang erlebt (beim Bezahlen manchmal ernüchtert, so viel getrunken zu haben).

„Zahlen haben mich schon immer gereizt“, sagt er. Dass er Bilanzen lesen kann, ist auch ein Schlüssel für den Erfolg. Neben seinen vier Buchstaben natürlich, die das „Queue“ bedeuten. Die wenigsten sagen, ich gehe „ins Queue“, man geht „zum Nils“.

Das Bistro schlug damals im Sommer 1985 ein wie eine Bombe. „Es ging gleich volle Kanne los.“ Auch wenn anfangs viele mit dem Namen Probleme hatten und sogar vom „Café Quelle“ sprachen. 35 Jahre und drei Erweiterungsumbauten sprechen für die Erfolgsgeschichte, die auch Corona nicht infizieren konnte. Nach der Schließung für drei Monate ging es Mitte Juni „ganz normal weiter.“

35 Jahre. So lange stand wohl noch kein Pächter im Ried hinter der Theke. Die Gäste – zwei Drittel sind männlich – wachsen in der Regel mit dem Lokal auf und aus ihm heraus. Es ist ein Kommen und Gehen; nur Nils ist geblieben und ein paar wenige Gäste aus der Anfangszeit. Mittlerweile kommen Kinder und Enkelkinder der ersten Generation. Bis zur Hochzeit und dem Hausbau kommen manche fast täglich, dann wird es weniger. So reflektiert das Lokal das Heranwachsen im Ort.

Als Gastronom oder als Institution hat Nils das Ried quasi über die Theke hinweg erlebt. Schicksale, Dramen, Liebesgeschichten, die in Ehen mündeten, das Single-, Beziehungs- und Vereinsleben. Vieles wird in das dunkle, rauchgeschwängerte Lokal hineingetragen, in dem es noch immer den namensprägenden Billardtisch gibt. Hinter der Theke muss der Gastronom sich vieles anhören und das gehört für ihn zum Job. Jüngst hat er einer einsamen Seele am Tresen einen Gesprächspartner vermittelt. Später spielten die beiden gemeinsam Darts. „Man bekommt ein Gefühl über die Jahre“, sagt der Wirt über die zwischenmenschlichen Töne seiner Arbeit. „Ich gehe auf die Leute ein.“ Und wenn sie stören, auch auf sie zu. „Jeder bekommt eine zweite Chance, aber Unruhestifter kann ich nicht gebrauchen.“

Die Begegnungen ändern sich wie der Soundtrack, den er auflegt. Die Mode hingegen hat sich im Ried in den Jahrzehnten nicht so stark verändert. Man trägt nach wie vor Jeans, die Haare waren früher auch gefärbt. Der Sound bestimmt das Lebensgefühl. Die 1980er, sagt der Wirt und DJ, der offen ist für die musikalischen Wünsche der Gäste, waren einfach zu spielen: New Wave Pop und Neue Deutsche Welle, die 90er bewegten sich hingegen zwischen Techno und Grunge. „In der Mitte war nichts“, so der Musikfreak, der 10000 Tonträger besitzt und auf der Love Parade in Berlin und auf der Street Parade in Zürich gerne abtaucht(e).

Seine Kneipe schließt er nur an Fasent. Dann macht er Urlaub. Ansonsten ist Nils immer bis weit nach Mitternacht geöffnet. Und wenn es nach ihm geht, bis zu seinem letzten Getränk. „Am liebsten möchte ich tot umfallen hinter der Theke.“

 

Nächste Woche stellt Nils auf Lokal-Journal die jeweiligen angesagtesten Getränke und Alben aus den Jahrzehnten vor. Außerdem erzählen wir die Geschichte zum prominentesten Gast in den 35 Jahren und berichten über die hanseatischen Wurzeln von Nils Holger Götze.

 

HR | 13.10. 2020

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