Debatten in der Kugel, Teil 2

Ein Besuch im EU-Parlament Straßburg | Die EU als Projekt?

Im Innern der Kugel: Der Plenarsaal des Straßburger EU-Parlamentes

Mühsam beherrschtes Sprachwirrwarr

Die Sitze sind im selben fahlen Blau wie im ICE1 gehalten, auf den Rängen der Besucher wie unten im Plenum. Der Stoff ist speckig, auf den Armlehnen teils durch, graues PVC schaut an den Kanten hervor. Unten sind Wartungsarbeiten im Gange. Die Parlamentarier und ihre Teams sind in den Ferien. Auf unseren Tour-Guides schauen wir eine zwanzigminütige Präsentation. Es knackt und rauscht, bis der Stecker des Headsets richtig sitzt.

Oberhalb von uns läuft ein Glasband um das Rund. Dahinter sitzen Dolmetscher, Korrespondenten, Techniker. Rund 1000 Übersetzer sind nach offiziellen Angaben bei den Plenartagungen im Einsatz. Sie sollen ihre  Muttersprache perfekt und mindestens zwei weitere Sprachen sehr gut beherrschen.

In 23 Kabinen arbeiten während der Debatten jeweils 3 oder 4 Dolmetscher. Es gibt 506 Sprachkombinationen (23 × 22 Sprachen). Oft kann nicht direkt übersetzt werden, sondern nur über eine dritte Sprache. So greift eine polnische Dolmetscherin, die kein Kroatisch, aber Englisch kann, auf die englische Übersetzung zurück.

Was kann da alles verlorengehen oder verfälscht werden? Wie ist es mit den Beschlussvorlagen? Alle müssen ja das Gleiche verstehen, weil über dieselbe Sache abstimmen.

Unterhalb des Plenarsaals, im sogenannten Parlamentarium,  gibt es eine interaktive Ausstellung. Seit der Eröffnung 2011 wurde sie ganz offenbar nicht modernisiert. Immerhin ist jede(r)   Abgeordnete mit einem Porträt vertreten, wenngleich nicht alle sich und ihre Ziele in einem Video vorstellen. Oft fällt darin das Wort “Projekt”, wenn vom Parlament die Rede ist. Nie sagen sie “politische Gewalt”, “Institution” oder einfach “Macht”.

Seine Verteilung auf die Standorte Straßburg, Brüssel (EU-Rat) und Luxemburg (Sekretariat) ist seit vielen Jahren umstritten. Straßburg tagt nominal 48 Tage im Jahr, muss aber an allen übrigen Tagen beheizt und unterhalten werden. Die Fahrkosten der Abgeordneten und ihrer Stäbe verschlingt Schätzungen zufolge 200 Millionen Euro jährlich.

Wir verlassen die Ausstellung, innerlich beschäftigt mit der Kluft zwischen Erwartung und Wirklichkeit. Die Eichenleisten der Kugelhaut werfen sich und stehen an den Enden vor. Hier und da quillt Silikon aus den Fugen. In den Toiletten sind die Seifenspender leer.

 

DK | 18.9.2020

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