Debatten in der Kugel, Teil 1

Ein Besuch im EU-Parlament Straßburg | Die EU als Projekt?

Reden im kleinen Kreis: Lounge zwischen Plenum-Kugel und Glasfassade

STRASSBURG. Für uns Europäer im politischen Sinn ist ein Besuch im EU-Parlament ein Muss, sagen wir uns. Erst recht, da wir im Ried wohnen. Wir wählen einen Montag. Am Wochenende ist es dort zu voll, fürchten wir. Der Jüngste (15) muss mit, dies ist eine Pflichtstunde Politik. Ein Lehrstück zudem über Erwartung und Realität, wie wir sehen werden.

Wir dachten, in Straßburg werden uns die Schilder leiten, doch wir brauchen das Navi. Als wir schon fast da sind, kommen Richtungsweiser, so unscheinbar wie zu Freizeitanlagen. Ein P mit einem Dach darüber, mindestens einen Besucherparkplatz hatten wir erwartet – nichts von alldem. Unmittelbar an das EU-Areal grenzt ein Wohngebiet mit schmucken, älteren Stadthäusern. Dort, in der Rue de Levant, suchen wir uns einen Parkplatz. Hier parken nur Anwohner.

Um den Besuchereingang zu erkennen, braucht es Fantasie. Es ist derselbe wie für Lieferanten. Ein Werkstattwagen wird mit uns eingelassen. Das meterlange Schiebetor öffnet sich ein Stück. Wir müssen unsere Ausweise vorzeigen. Einige Schritte über grauen Asphalt, dann kommen zwei Container, die Corona-Schleusen rein und raus.

Wo sind die Blumen, Hecken, Bäume, wo die Skulpturen? Die Zufahrt zu einer Müllverbrennungsanlage könnte nicht schmuckloser sein. Dort würden Fahrradständer nicht fehlen, hier schon. Frankreich, Vélo-Nation?

Hier ist alles rund. Das Hauptgebäude, wo die 1.133 Abgeordnetenbüros untergebracht sind, ist eine Rotunde mit ovalem Innenhof. Die Wölbung des Pflasters ziert im Zentrum eine einsame Kugel. Niemand außer uns ist da. Der Eingang ist irgendwo hinten links, kaum zu finden. Dahinter dunkle Gänge, die mich an einen Airport erinnern.

Es öffnet sich ein hochstrebender, lichter Schacht mit vorkragenden Fluren. Schlingpflanzen fallen scheinbar hinab, wachsen in Wirklichkeit an Drähten aufwärts. Die gläserne Gebäudehülle birgt – abermals – eine Kugel. Sie ist riesengroß und holzverkleidet.  Darin sitzt das Parlament. Ein Nucleus der Demokratie.

Wir überqueren einen tiefen Graben, der mit grauen Steinplatten belegt ist, die wie Reststücke von Pflasterarbeiten erscheinen. In der Lounge informieren Schautafeln über Geschichte und  Architektur des EUP. Ursula von der Leyen lächelt von der Wand, David-Maria Sassoli gratuliert ihr. Eine Rolltreppe hoch befindet sich der Eingang in die Kugel, den Plenarsaal. Davor werden Tour-Guides ausgeteilt. Das Personal ist freundlich und spricht gut deutsch.

Teil 2 folgt am 18.9.2020.

 

DK | 17.9.2020

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